
Gestern Morgen hatte unser Kater Shuffle wieder einmal eine seiner glorreichen Ideen.
Shuffle kam stolz von seinem nächtlichen Raubzug zurück — inklusive einer riesigen, rattenähnlichen Feldmaus und dekorativem Grashalm im Mäulchen.
Wie ein kleiner Jägerkönig marschierte er damit direkt ins Wohnzimmer.
Mein Partner war allerdings nicht schnell genug, die Türe hinter ihm zu schliessen — natürlich auch, weil man der Katze ja nicht weh tun möchte.
Und dann geschah das Unvermeidliche.
Shuffle liess die Maus los.
Zum grossen Erschrecken meines Partners begann diese plötzlich quer durchs Wohnzimmer zu rennen.
Die Maus lebte nämlich noch.
Und das war nicht das erste Mal.
Früher brachte Shuffle meist tote Feldmäuse vor die Tür. Klassische Katzengeschenke eben.
Aber inzwischen schien er sein Konzept erweitert zu haben.
Lebendige Mäuse. Direkt ins Haus geliefert.
Natürlich stellt man sich als Mensch irgendwann die Frage: Warum macht eine Katze das eigentlich?
Will sie uns erschrecken? Uns ärgern? Eine Jagdtrophäe präsentieren? Oder ist es tatsächlich einfach ein Geschenk?
Ich habe mich später mit Shuffle verbunden und innerlich über diese Situation geschmunzelt.
Denn seine Antwort war überraschend logisch.
Er sagte sinngemäss: „Warum gehst du davon aus, dass das ein Geschenk sein soll? Ich sehe euch nie jagen. Ihr müsst doch auch etwas Richtiges essen. Ich habe euch noch nie Mäuse fangen sehen. Also dachte ich, ich helfe euch ein bisschen."
Und plötzlich ergab alles Sinn.
Shuffle erklärte mir weiter, dass Katzen ihre Jungen genau so unterrichten.
Zuerst bringen sie tote Tiere. Später halb lebendige. Und irgendwann lebendige Mäuse, damit die jungen Katzen spielerisch lernen zu jagen.
Und offenbar hatte Shuffle irgendwann beschlossen, dass wir Menschen diesbezüglich dringend Nachhilfe brauchen.
Vor allem wohl, nachdem sein erster Versuch mit den toten Mäusen offensichtlich erfolglos geblieben war.
Ich musste innerlich so lachen.
Denn eigentlich ist das unglaublich spannend.
Wir Menschen vermenschlichen Tiere ständig.
Wir glauben oft, Tiere müssten die Welt genau so wahrnehmen wie wir.
Aber Tiere machen offenbar manchmal genau dasselbe mit uns.
Shuffle ging ganz selbstverständlich davon aus, dass wir eigentlich auch jagen müssten.
Und weil wir es offensichtlich nicht tun, wollte er uns diese Fähigkeit beibringen.
Nicht aus Bosheit. Nicht um Chaos zu verursachen. Nicht um uns zu stressen.
Sondern aus Fürsorge.
Aus seiner Sicht sorgte er sich schlicht darum, dass wir offenbar nicht fähig waren, selbst Nahrung zu beschaffen.
Und irgendwie finde ich das unglaublich berührend.
Denn hinter dieser durchs Wohnzimmer rennenden Maus steckte in Wahrheit keine Gemeinheit.
Sondern Liebe.
Eine sehr katzige Form von Liebe vielleicht. Aber trotzdem Liebe.
Und vielleicht zeigt genau das wieder etwas sehr Wichtiges:
Tiere handeln oft viel logischer aus ihrer eigenen Welt heraus, als wir glauben.
Wir müssen nur beginnen, ihre Perspektive zu verstehen.
Und manchmal bedeutet Liebe aus Katzensicht eben: „Hier. Heute üben wir gemeinsam das Jagen."
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